Auf einen Kaffee mit Thomas Schönauer

Der Düsseldorfer Künstler über sein Werk, die seelische Verwahrlosung unserer Kultur und den gesellschaftlichen Auftrag unseres neuen „Crown“-Hauses an der Berliner Allee, welches im Frühjahr 2018 eröffnet, baulicher Widrigkeiten zum Trotz.

  Mann des Raumes: Thomas Schönauer sucht nach immer neuen Formen und Strukturen

Mann des Raumes: Thomas Schönauer sucht nach immer neuen Formen und Strukturen

Seine Kunst ist im Weltraum beheimatet, seine metaphysischen Raumkörper sind transformierte Astronomie in Reinkultur. Doch manchmal kreuzen sich die Umlaufbahnen in unserem Sonnensystem. Dann gelingt es, Thomas Schönauer für ein Interview zu gewinnen – irgendwo auf dem Transit zwischen Berlin, Mailand und Moskau. Treffpunkt: Zurheide Kaffeerösterei.

Zurheide: Deine Skulpturen und Bilder revolutionieren unsere Sichtweise, mit Arbeiten wie dem invader dringst du in neue Sphären der Wahrnehmung vor. Was fasziniert dich als Künstler und Intellektueller an dem Warenuniversum von Zurheide Feine Kost?

Thomas Schönauer: Die Strahlkraft. Der unternehmerische Mut. Die Fähigkeit, in großen Zusammenhängen zu denken. Und das Gespür für räumlich-soziografische Gegebenheiten.

Zurheide: Es gibt ein neues Konzept für das ehemalige Kaufhaus an der Berliner Allee. Wird das CROWN von Zurheide ein neuer Fixstern am Feinschmecker-Firmament?

  „Crown of Düsseldorf“*: Zurheide durchstößt die nächste Dimension, Foto: Koerfer-Gruppe

„Crown of Düsseldorf“*: Zurheide durchstößt die nächste Dimension, Foto: Koerfer-Gruppe

Thomas Schönauer: Neuansiedelungen wie diese beleben die Innenstadt nicht nur geschäftlich, sondern auch kulturell. Sie wirken sich identitätsstiftend aus. Der alte Kaufhof wird förmlich „re-kultiviert“. Ferner schafft das Crown-Haus neue Arbeitsplätze und zieht auswärtige Besucher an. Davon profitiert wiederum die umliegende Infrastruktur. Architektonisch addiert es ein Quantum an Stil, Ästhetik und Atmosphäre.

Zurheide: Aus dir spricht jetzt der Baumeister Thomas Schönauer. Und was erwartest du vom Interieur?

Thomas Schönauer: Typisch für Zurheide sind großzügige Freiflächen zum Innehalten und Verweilen. Wir sprechen diesmal wohlgemerkt von nahezu 10.000 Quadratmetern, das ist ungeahnter Möglichkeitsraum. Aus Bauschutt und Asche erhebt sich plötzlich ein Glaspalast von beispielloser Strahlkraft.

Zurheide: Deine monumentalen Arbeiten bereichern die Skulpturenlandschaft im öffentlichen Raum. Hat Kunst auch einen gesellschaftlichen Auftrag?

  Schwebender Stahlriese:´Skyfall´ triumphiert über die Schwerkraft

Schwebender Stahlriese:´Skyfall´ triumphiert über die Schwerkraft

Thomas Schönauer: Je nach Beschaffenheit wirkt sie sich positiv oder negativ auf ihr Umfeld aus. Schon ein vergleichsweise harmloses Phänomen wie ein zerbrochenes Fenster kann einen unheilvollen Sog entfalten, am Ende sogar zu völliger Verwahrlosung führen.

Zurheide: Du spielst auf die „Broken-Windows-Theorie“ an, welche die Sozialforscher James Q. Wilson und George L. Kelling 1983 entwickelt haben. Gilt ihr Null-Toleranz-Prinzip denn auch für Architektur und Kunst?

Thomas Schönauer: Angesichts der seelenlosen ´Investment-Architektur´, welche immer mehr Raum greift, möchte man das fast bejahen: Das sind doch anorganische Klötze, mythenlos hingewichst, ohne Sinn für Kontext oder Kongruenz. Für mich ist das schlicht Umweltverschmutzung.

Zurheide: War das der Grund, warum du 1988 darauf bestanden hast, deine Energiepyramide am Landtag zu errichten, statt, wie ursprünglich geplant, auf der Bolker Straße neben Mac Donalds?

Thomas Schönauer: Begehbare Skulpturen wie diese werden am besten rezipiert, wenn der Kontext korrespondiert. Der Standort erhält dann eine neue Aura und lädt den Betrachter zur Reflexion ein. Es sei denn, ein Kunstwerk will bewusst provozieren und polarisieren, dann ist das eine beabsichtigte Kollision. Doch das hätte hier nicht funktioniert.

  Aus Rotation wird kraftvolle Beschleunigung: Schönauer ist ein Choreograph der Formen

Aus Rotation wird kraftvolle Beschleunigung: Schönauer ist ein Choreograph der Formen

Zurheide: Darf Kunst auch verstören und schockieren oder ist sie eine Kuscheldecke für Bildungsbürger?

Thomas Schönauer: Sie ist ganz klar ein Wake-up-Call für unsere durch Massenmedien abgestumpfte Kultur. Dafür muss sie auch Regeln brechen können. Viele meiner Arbeiten stellen deshalb herkömmliche Sehgewohnheiten auf den Kopf. Sie lösen vorsätzlich Brechreiz aus, im positiven Sinne.

Zurheide: Farbe auf Stahl, nicht symmetrische Figuren, die unvermutet einen neuen Raum bilden: Deine Kunst passt in keine Schablone. Mit Skulpturengruppen wie ruben wird der Raum des Machbaren neu vermessen. Ein subtiles Spiel zwischen Nähe und Distanz …

Thomas Schönauer: Am Anfang stand für mich der Gedanke einer Grenzüberschreitung. Die subtilen Mechanismen von Einheit, Abspaltung, Ergänzung und Überwindung sollten kognitiv erfassbar werden. Formung, nicht Form wird plötzlich Gegenstand der Kontemplation.

  Endoskopischer Blick in die Tiefe: CT-Paintings verweisen auf die Physis allen Seins

Endoskopischer Blick in die Tiefe: CT-Paintings verweisen auf die Physis allen Seins

Zurheide: Selbstredend bist du ein ´Dompteur´ bislang ungezähmter Werkstoffe wie Stahl. Zugleich ein Dirigent, der eine Vielfalt von Techniken orchestriert. Davon sei 80 % Kontrolle und 20 % Zufall – ´gesteuerter Zufall´, was ja wieder Kontrolle wäre. Bist du ein Perfektionist?

Thomas Schönauer: Da würde ich noch 10 Prozent auf die 20 aufschlagen, ein demütiger Tribut an die Unwägbarkeit des Seins. Doch das Chaos lässt sich bändigen. Gerade ein unerwartetes Spiel mit der Perspektive oder eine Kollision von Hart und Weich, vom Statischen zum Amorphen, kann irre spannend sein. Dazwischen, daneben, in oder out: Solche Widerstände gilt es manchmal systematisch aufzulösen. Das erfordert einen intuitiven Sinn für Präzision.

Zurheide Hochlandkaffee: Berühmte Künstler wie Vincent van Gogh balancieren auf einem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Ist Melancholie eine Antriebsfeder für Kreativität? Anders gefragt: Muss man traurig sein, um eine gewisse Tiefe und Ausdruckskraft zu erzielen?

Thomas Schönauer: Als Künstler, den das Zusammenspiel von Mikro- und Makrokosmos fasziniert, blickst du oft tiefer in medizinische und physikalische Zusammenhänge hinein – und damit so mancher Chimäre ins Auge. So eröffnet die Weltformel von Stephen Hawking einen neuen Disput über die Ursprünge des Universums. Dabei raubt sie uns die letzte Illusion von einer gütigen Instanz, die unsere Geschicke sinnhaft lenkt. Du lernst, die Absurdität des Lebens zu akzeptieren und auch eigene Nachtseiten zu integrieren.

  Endoskopischer Blick in die Tiefe: CT-Paintings verweisen auf die Physis allen Seins

Endoskopischer Blick in die Tiefe: CT-Paintings verweisen auf die Physis allen Seins

Zurheide: Anfragen vom Tatort, Auftragsarbeiten für Politgrößen wie Wolfgang Clement oder Peer Steinbrück: Ist man da noch beeindruckbar durch die Verlockungen von Macht und Prestige? Anders gefragt: Wie innengeleitet sollte ein Künstler sein, um nicht zum Anschmieggebilde zu werden?

Thomas Schönauer: Künstlerische Wertschöpfung ist immer eine Entscheidung zwischen Anpassung und Wagnis: Willst du nur Performer sein oder ein Selbstentwickler? Ein tragischer Fall ist der grandiose Objektkünstler Günther Uecker, der mit reliefartigen Nagelbildern bekannt wurde und fortan auf kinetische Kunst abonniert war. Plötzlich zeichnete sich ein Umbruch in seinem Schaffen ab, der sich jedoch nicht vermarkten ließ: Prompt wurde sein Sinneswandel von den Meinungsführern der Wirtschaft verrissen. Daraufhin ging er wieder brav in sein Atelier, um Nägel zu kloppen. Orientierst du dich zu sehr im Außen, an den Dogmen unserer Statusgesellschaft, verlierst du den Kontakt zu deinem kreativen Ich. In letzter Instanz zählt deshalb für mich nur der Content. Die Arbeit Skyfall – vom Himmel gefallen – dokumentiert so einen Paradigmenwechsel in meinem Schaffen: Sie war der Vorstoß in eine neue Dimension.

Zurheide: Reizthema ´Kunst als Kulturgut´ – der Plan der Regierung, Künstler beim Verkauf ihrer Werke zu reglementieren, bewegt Kunstbetrieb und Gemüter. Künstler wie Gerhard Richter wollen ihre Bilder lieber ´verkloppen´ als sie der Staatsgewalt zu unterwerfen. Wie stehst du dazu?

Thomas Schönauer: Der Kunstmarkt spaltet sich immer mehr von den Kunst Produzierenden ab. Seine Akteure kennen von allem den Preis, von nichts den Wert. Dieser ist ja kein interpolierbarer, wissenschaftlicher Nummerncode, den ein Sachverständiger mühelos dechiffrieren kann. Wie zuverlässig Taxierungen solcher selbst ernannten, oft nicht einmal kritikfähigen,´Kunstexperten´ sind, kann man sich leicht ausmalen. Hier spielt auch manipulatives Marketing rein, Teil der Selbstbespiegelung in unserer narzisstisch infizierten Kultur.

  "Hört zu, denkt nach, tretet in Dialog" : Maler, Bildhauer & Vordenker Thomas Schönauer

"Hört zu, denkt nach, tretet in Dialog" : Maler, Bildhauer & Vordenker Thomas Schönauer

Zurheide Hochlandkaffee: Andy Warhol sah stets so aus, als hätte ihn Andy Warhol erfunden. Jeff Koons besticht durch eine ebenso gelackte Oberfläche wie seine Skulpturen. Wie viel Selbstinszenierung ist denn nötig, um im Kunstzirkus von den Medien wahrgenommen zu werden?

Thomas Schönauer: Ich bin kein Selbstdarsteller, sondern ein Selbstentwickler. Doch auch wenn du dich nicht gern exponierst, brauchst du zumindest eine gute Strategie. Deshalb habe ich exzellente Berater aus Wirtschaft, Kommunikation und Politik. Gegenwartskunst will nun mal als Marke gepflegt werden, auf Werbisch: Visibility besitzen. Damit öffnet sich natürlich auch ein Stück weit die ´Büchse der Pandora´. Oft läuft der moderne Mensch nicht mehr auf eine Ziellinie zu, sondern von einem Abgrund weg – dem Abgrund des Nicht-Gesehenwerdens. Um sich im Verdrängungswettbewerb zu behaupten, musst du als Künstler jedoch vor allem eins sein: richtig gut – wie diese endlose Tasse Jamaica Blue Mountain.

Thomas Schönauer zwinkert uns zum Abschied noch einmal zu und steigt dann in seinen hellen Fiat Abarth, von außen unscheinbar, unter der Haube jedoch selbstredend ´eine Rakete´. Oder ein Space Shuttle: Denn in Lichtgeschwindigkeit ist er jetzt verschwunden, um neue Dimensionen zu durchdringen – und unsere Sehgewohnheiten einmal mehr auf den Kopf zu stellen.

INTERVIEW: DR. C. ROOSEN

*Anmerkung der Redaktion zum „Crown-Haus“:

Wenn etwas Neues entsteht, will man von Anfang an dabei sein. Unser Bild zeigt das Ursprungskonzept des Bauherren, der Kölner Dr.-Koerfer-Gruppe. Die Pläne wurden inzwischen überarbeitet: Sah die abgebildete Planungsphase noch im OG Textilien, Spielwaren und Unterhaltungselektronik vor, wurde der alte Kaufhof an der Berliner Allee/Graf-Adolf-Straße aktuell zu einem gigantischen Schlaraffenland für Gourmets umgebaut: Zurheide allover – auf allen Ebenen inklusive Parkhaus im Obergeschoss! Trotz vieler Widrigkeiten wie unterschiedlicher Bodenhöhen, auch in puncto Brandschutz und Statik ist der Umbau inzwischen fertiggestellt, THE CROWN eröffnet noch in diesem Frühjahr. Am Horizont: eine riesengroße Spezialitäten-Bäckerei, Gastronomie auf Gourmet-Niveau mit offener Küche, Grillstationen, Salat to go, eigene Eis- und Schokoladenproduktion bei extralangen Öffnungszeiten bis 22 Uhr. Die ersten Waren sind eingeräumt und die Wand der Champagnerbar schimmert schon golden …

StarsClaudia RoosenKunst