»Ganz oder gar nicht!«

 
Thomas Schönhauer

Thomas Schönauer über Kunst, Kultur, Kulinarik und den Absolutheitsanspruch von Qualität

Um ihn herum wird eingeschenkt, getafelt, geplaudert. Etwas abseits taxiert Thomas Schönauer das Terrain. Den Geist eines Ortes zu erfassen, seinen »Genius Loci«, ist fast schon ein seismografischer Reflex. Bekannter Künstler und bekennender Forscher zugleich besitzt er feine Antennen für die Schwingungen des Zeitgeistes.
Ohne dessen Launen zu erliegen: Dafür reicht sein Blick zu weit über den Tellerrand des Mainstreams hinaus – und über den großen Teich: Künstlerisch in internationaler Mission ist der rastlose Neuzeit-Nomade gleichermaßen in Silicon Valley, Dubai, São Paulo, Riyadh, Milano oder Moskau beheimatet.
Auch an Rhein & Ruhr begegnet man seinem Werk auf Schritt und Tritt. So schuf er die begehbare Energie-Pyramide am Landtag NRW, eine Skulptur für den Campus der Heinrich-Heine-Universität und auch am Medienhafen sowie im Areal nüchterner Verwaltungsgebäude addiert seine Kunst ein Quantum Mystik zum öffentlichen Raum. Diese ist schon mal ein Bekenntnis an die Konfession: Die Installation Himmelskreuz in der Lutherstadt Wittenberg, im Vorjahr unter Medienwirbel enthüllt, stammt auch von ihm. Das Werkverzeichnis muss laufend erweitert und ergänzt werden, zeitnah um eine neue Serie der Cultivator-Skulpturen. Nicht gelistet und doch von eigenem Reiz sind künstlerische Gesten wie aktuell ein Bild für das Restaurant Setzkasten bei Zurheide Feine Kost im Crown. Unsere Chance für ein exklusives Vor-Ort-Interview!

Tom Schönauer, Sie könnten gerade überall auf der Welt sein – aber Sie sitzen heute hier mit uns bei Zurheide Feine Kost im Crown: Was reizt Sie an dieser Location?

Die Kompromisslosigkeit, mit der das Konzept umgesetzt wurde, dieses Ganz-oder-gar-nicht-Denken, ist sehr zurheidig. Gewürzt mit einer kleinen Prise Anarchie: Haute Cuisine in tragbaren Karo-Kästen zu servieren erfordert Mut. Es bleibt aber ein kalkuliertes Risiko, weil die Küche vorzüglich ist.

Bevor Sie eine Arbeit ausführen, befassen Sie sich mit dem Genius Loci, dem Geist des Ortes. Denn Sie platzieren Ihr Werk bevorzugt in einer atmosphärisch dichten Umgebung. Was qualifiziert einen Raum als rahmengebendes Ambiente für Ihre Kunst?

Er muss impulsgebend sein, Andockpunkte für meine Arbeit bieten. Das bedeutet nicht, dass das Kunstwerk dann später organisch in das Ambiente eingebettet wird. Nicht selten entwickelt es Eigenleben und geht sogar mit der Räumlichkeit auf Kollisionskurs. Kunst ist keine Kuscheldecke für Gutmenschen. Aber auch kein Agent Provocateur um jeden Preis.

Wie Pop-Art-Prophet Andy Warhol, der einst Inspiration in einer Dose Tomatensuppe der Firma Campbell´s tankte: Finden Sie das genial oder trivial?

Eher ein wenig banal. Auf diese Art zu provozieren ist überholt und mittlerweile zum Stereotyp erstarrt: Effekthascherei, die lediglich dem Mainstream frönt!

»Authentische Kunst ist kein Anschmieggebilde.«

Ihre Arbeiten sind in der Kunstwelt hoch dotiert. Ist nur ein teurer Künstler ein guter Künstler?

Nein. Brotlose Künstler sind leider Teil unserer Kulturgeschichte. Für viele Malergenies setzt der finanzielle Erfolg erst nach dem Tod ein oder nie. Doch schon bei der Produktion an den Profit zu denken und nur dem schalen Applaus des Augenblickes nachzuhecheln, entzaubert jedes Kunstwerk und beraubt es seiner Authentizität.

Angesichts mancher Fantasiepreise, die sich die Protagonisten des Kunstbetriebes hinter vorgehaltener Hand zuraunen, hofft so mancher junge Künstler, sich schnurstracks in eine goldene Zukunft zu pinseln …

Eine gewisse Hybris braucht er auch: den Mut sich zu messen und trotz aller bedeutenden Werke von der Antike, Renaissance bis zur Neuzeit weiterzumachen. Kunst ist im Vergleich qualitativ und der Markt relativ gesättigt. Zudem tummeln sich viele Blender in der Branche, sowohl auf Seiten der Galeristen als auch unter den Kunstschaffenden.
Davon konnte ich mich von Anfang an absetzen, auch bedingt durch meinen eher wissenschaftlich-philosophischen Anspruch. Jeder Produktion sollte meines Erachtens stets Reflektion vorausgehen.

 
 

Schwebender Stahlriese – der ‚Cultivator III‘, Schönauers neues Masterpiece

»Wissenschaftliche Neugier treibt mich an. Daraus ergeben sich oft interdisziplinarische Kooperationen, aus dem Atelier heraus.«

Ihr endoskopischer Blick fällt bevorzugt auf Räume, die zugleich Gegenstand der Forschung sind: unser Makrokosmos, Mikrokosmos, schwarze Löcher, die Weiten des Weltalls, ein chirurgischer Schnitt durch Zellgewebe oder das CT eines Lendenwirbels …

Da mutiere ich fast zum Chinese Doctor: Mich interessieren Meridianen, jene Leitbahnen, in denen unsere Lebensenergie – das Qi –, fließt. Ähnlich wie in der Akupunktur wird ja mitunter auch Kunst zum Korrektiv: einem Gegenpol, der das Gleichgewicht von Ying & Yang in einer Landschaft wiederherstellt. Diese kann übrigens auch urban sein.

Sie experimentieren zudem mit neuen Auftragstechniken, Farben und innovativen Materialien. Aktuell verbiegen Sie sogar Beton …

Das ist die Intention: Gemeinsam mit Herrn Prof. Dr. Gries, dem Direktor des Instituts für Textiltechnik (ITA) der RWTH-Aachen-University arbeite ich an einem neuen, faserarmierten Beton-Prototyp, welcher sich später künstlerisch in fließende Freiformen transformieren lässt. Papierdünn, gerade mal 18 Millimeter dick, lässt sich das spröde Material erstmals filigran formen, sogar zu monumentalen Kunstwerken. So entsteht ein völlig neues Kommunikations-Konzept.

Ist es nicht ein gewagtes Unterfangen, Beton zähmen zu wollen?

Zuweilen muss man alles auf eine Karte setzen. Oder auf eine Speisekarte: Es ist ja eben jenes Quäntchen Verrücktheit, das mich an Treffpunkte wie diesen zurückkehren lässt. Manchmal entscheiden Nuancen.
INTERVIEW: DR. C. ROOSEN